Was kann ich ganz am Anfang tun, damit schnell Vertrauen im Team entsteht?

thomasknappeTeamentwicklungLeave a Comment

Na, das ist eine Frage, wie Sie im Coach­ing und Work­shop immer wieder gern von Klien­ten gestellt wird: Wofür müssen Sie ganz am Anfang sor­gen, damit im Team schnell Ver­trauen entste­ht?

Meine Antwort: Es kommt darauf an …

Auf was? Da fall­en mir vor allem 3 Punk­te ein: “Wie ist die Struk­tur des Teams?”, “Was ist Ihr Ver­ständ­nis von Ver­trauen?”, und “Was meint für Sie “am Anfang”?”

Erst ein­mal also zur Struk­tur des Teams: Präsen­zteam oder verteiltes Team (inklu­sive ver­mis­chter For­men)? Das macht einen erhe­blichen Unter­schied, nicht wahr?

Und es hat mit Ihrem Ver­ständ­nis von Ver­trauen zu tun: Bei Präsen­zteams gehen wir meist (und zurecht!) davon aus, dass Ver­trauen Hand in Hand mit besserem Ken­nen­ler­nen geht, wächst und gedei­ht. Kommt Zeit, kommt Ver­trauen. Bei verteil­ten Teams beste­ht eine räum­liche (ggf. auch zeitliche, kul­turelle usw.) Tren­nung, die wesentlich bewirkt, dass die Formel “ein angemessen­er Zeitraum führt zu unzäh­li­gen gemein­samen Erleb­nis­sen und per­sön­lichem Ken­nen­ler­nen im Arbeit­sall­t­ag und so schrit­tweise zu tragfähigem Ver­trauen” nicht mehr gilt.

Der Fak­tor Zeit bringt Ihnen hier nicht den entschei­den­den Nutzen: Wenn Sie hier­auf ver­trauen woll­ten, würde Ver­trauens­bil­dung im verteil­ten Team auf jeden Fall sehr, sehr lang dauern.

Statt dessen gibt es einige Forschung zu einem bei verteil­ten Teams gut erkennbaren Phänomen, dem soge­nan­nten “Swift Trust”. Anmerkung: Dieses Phänomen gibt es offen­bar auch in Präsen­zteams, in verteil­ten Teams ist es jedoch viel aus­geprägter und aus den genan­nten Grün­den auch wesentlich­er. “Swift Trust” meint let­ztlich: Die Team­mit­glieder sind in der anfänglichen Ken­nen­lern­phase der Teamfind­ung bere­it, einen ersten Ver­trauensvorschuss zu geben!

Das ist für Sie als Führungskraft die Chance, aus einem flüchti­gen Ver­trauensvorschussphänomen ganz viel zu machen. Übri­gens: Wenn Sie sich gern in solch wichtige Aspek­te pro­fes­sionell einar­beit­en, find­en Sie unten als Anre­gung drei Texte, die zu lesen — meine ich — lohnt.

Die verbleibende Frage ist jet­zt: Was meinen Sie konkret mit “am Anfang”? Das erste Hän­de­schüt­teln (mit trock­e­nen Hän­den und angemessen fes­tem Händ­e­druck)? Das erste Jahr? Oder das erste Meet­ing, den “Take-Off”, wie das heute oft heißt. Die meis­ten mein­er Klien­ten meinen diesen zeitlichen Rah­men eines ersten gemein­samen Meet­ings und Ken­nen­ler­nens.

Nehmen wir also an, es geht Ihnen um ein verteiltes Team, das erste gemein­same Meet­ing und Sie kön­nen zu recht davon aus­ge­hen, dass hier “Swift Trust” eine Rolle spielt. Dieses flüchtige Ver­trauen heißt es nun möglichst gut zu nutzen!

Wenn Sie ein reales Meet­ing haben — das kommt immer wieder auch bei verteil­ten Teams vor und ich schreibe das hier, damit auch  Führungskräfte von Präsen­zteams etwas mit den fol­gen­den Gedanken anfan­gen kön­nen! — begrüßen Sie die Team­mit­glieder. Acht­en Sie auf Ihre Erschei­n­ung und Ihre Hände (s.o.). Ich erwähne das beson­ders, weil das gepflegte Auftreten als ein Sich-Bemühen um den Anderen und natür­lich der Hand­schlag in unseren Bre­it­en als wichtige ver­trauens­bildende Rit­uale gel­ten.

In der Ken­nen­lern­phase ken­nen wir die anderen eben noch nicht! Will heißen, “innere Werte” spie­len hier noch keine Rolle. Im Vorder­grund ste­hen schnell zu gewin­nende äußere Ein­drücke, die das erste — und wie sich immer wieder her­ausstellt, sehr nach­haltige — Bild vom Vorge­set­zten, Kol­le­gen usw. prä­gen. Zum Beispiel: Ausse­hen, Händ­e­druck, Stimme, Into­na­tion, Kom­mu­nika­tions­fähigkeit­en, Sozialver­hal­ten. Bei verteil­ten Teams im virtuellen Meet­ing spie­len hier­von die ersten bei­den Punk­te naturgemäß keine Rolle, wenn Sie mit einem Präsenzmeet­ing starten, gel­ten jedoch alle Punk­te und mehr. Es wäre also sich­er hil­fre­ich, sich um eine “glaub­würdi­ge” Stimm­lage und Stimm­führung zu bemühen. Außer­dem natür­lich: Je klar­er, verbindlich­er und dur­chaus ein wenig mehr als nötig von sich selb­st preis­geben­der Sie reden, umso förder­lich­er im Sinne des Ver­trauens.

Denn umso eher befind­en sich Ihre Team­mit­glieder “gefühlt” im grü­nen Bere­ich. Und die Entwick­lung eines Gefühls der Sicher­heit geht für viele Men­schen mit Ver­trauen Hand in Hand. Vielle­icht nehmen Sie sich ein­mal selb­st auf dem Handy auf, hören’s ab und fra­gen sich ehrlich: “Macht es mir dieser Men­sch leicht, Ver­trauen zu ihm/ihr zu fassen?”

Verteilte Teams sind in der Regel erkennbar auf­gabenori­en­tiert­er — wis­send, dass sie die anderen nur sel­ten per­sön­lich erleben wer­den — als Präsen­zteams. Zu wis­sen, dass man sich bei seinen Kol­le­gen auf aus­gewiesene Exper­tise — Abschlüsse, bish­erige Posi­tio­nen und nachvol­lziehbare beru­fliche Erfolge usw. — ver­lassen kann, hil­ft dem eige­nen Ver­trauen auf die Sprünge. Das gilt auch für klare Infor­ma­tio­nen über die kün­fti­gen Struk­turen und darüber, wie jed­er in das Gesamt­ge­füge der kün­fti­gen Auf­gaben­stel­lun­gen passt. All dies gibt Anlass, den anderen Ver­trauen ent­ge­gen­zubrin­gen.

Ihrem Team und Ihnen wird es daher sich­er helfen, ger­ade die Experten-Aspek­te der kün­fti­gen Team­mit­glei­der zu beto­nen: Vorstel­lungsrun­den, in denen paar­weise die eine den anderen vorstellt, kön­nen solchen Infor­ma­tio­nen zu noch mehr Glaub­würdigkeit zu ver­helfen. Dann muss sich näm­lich nie­mand selb­st über den grü­nen Klee loben (auch wenn er oder sie die geäußerten Infor­ma­tio­nen ger­ade erst von der/dem Vorgestell­ten erhal­ten hat). Auch Ihre Äußerun­gen als Führungskraft, welche beson­dere Exper­tise die Einzel­nen in Ihren Augen für das Team mit­brin­gen, hil­ft, den “Swift Trust” auszuweit­en.

Was noch kön­nten Sie tun? Machen Sie sich einen Plan. Und zwar einen, der zu Ihnen passt: Auch die Authen­tiz­itätsver­mu­tung der Teil­nehmerIn­nen Ihnen gegenüber ist ein wichtiger Baustein für die all­ge­meins Ver­trauens­bil­dung. Nutzen Sie den flüchti­gen Ver­trauensvorschuss Ihres Teams gezielt aus. Denn auch für den “Swift Trust” gilt “vor­bei ist vor­bei” und Sie können’s nicht nach­holen. Sie wis­sen ja: Beim verteil­ten Team benöti­gen Sie das Ver­trauen gle­ich vor­ab, weil Sie son­st Tea­men­twick­lung aus der Ferne kaum wirk­sam anbi­eten kön­nen!

Sie haben hierzu weit­ere Ideen, die Sie gern teilen wür­den, zu denen Sie Feed­back dazu bekom­men oder Hand­lungsalter­na­tiv­en entwick­eln wollen? Dann machen Sie gern mit beim näch­sten Lunch-Tele­Work­shop zu diesem The­ma. Mehr dazu find­en Sie hier auf coachingcolleg.de.

Ihnen bei der Ver­trauens­bil­dung in Ihrem Team viel Freude und Erfolg!

 

 

Lesean­re­gun­gen zum “Swift Trust”:

  • Fer­razzi, K. (2012): How to Build Trust in a Vir­tu­al Work­place. In: Har­vard Busi­ness Review. Online https://hbr.org/2012/10/how-to-build-trust-in-virtual/ (Zugriff 4.3.2016).
  • Robert, L. Jr./Dennis, A./Hung, Y.(2009): Indi­vid­ual Swift Trust and Knowl­edge-Based Trust in Face-to-Face and Vir­tu­al Team Mem­bers. In: Jour­nal of Man­age­ment Infor­ma­tion Sys­tems, Fall 26(2), S. 241–279.
  • Crisp, C. B./Jarvenpaa, S.(2013): Swift trust in glob­al Vir­tu­al teams trust­ing beliefs and nor­ma­tive actions. In: Jour­nal of per­son­nel psy­chol­o­gy, 12(1), S. 45–56.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.